Anmelden

Ursprünglich Terra Vecchia, heute Rasa – eine bewegte Geschichte

Rasa lag zuerst an dem heute “Terra Vecchia“ genannten Ort, am Strässchen nach Palagnedra. Woher gegen Ende des 16. Jahrhunderts die ersten Bewohner gekommen sind, weiss man nicht mit Gewissheit...

...Tradition, Familiennamen und Charakter weisen aber darauf hin, dass sie wahrscheinlich von auswärts eingewandert sind. 1643 wurde Terra Vecchia zu einer selbständigen Pfarrei. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zählte diese etwa 200 Seelen, hundert Jahre später nur noch 110. Immer mehr Leute verliessen Terra Vecchia. Ein Teil von ihnen siedelte sich im heutigen Rasa an.

Die Gemeinde Rasa war eine der kleinsten des Tessins und eines der von der Entvölkerung am stärksten betroffenen Dörfchen. Sie bestand in den 50er Jahren aus ein paar Häusern auf einer Terrasse an den Hängen des Gridone, auf 900 Metern Höhe.

Heute erreicht man Rasa mittels der Seilbahn ab Verdasio, zu Fuss von Palagnedra, Ronco, von Intragna über die Römerbrücke oder von Corcapolo über die Brücke von Salmina.

Die als Baumaterial für das Dorf verwendeten Steine fanden die Bewohner im Überfluss im Boden, auf den Feldern und in den Wäldern. Kalk wurde von Bordei oder vom Monte di Remo eine Stunde Weges auf dem Rücken hinaufgetragen. Die Felsplatten für die Dächer (piode) mussten aus Termine hergetragen werden, 40-50 kg pro Ladung. Auch die steinernen Stufen wurden weit weg vom Dorf gehauen und zu zweit auf den Schultern hergetragen.

Anfang des 18. Jahrhunderts, vielleicht schon früher, hatte Rasa eine eigene Schule. Wo sie lag, ist inzwischen vergessen. Nach dem Bau der Kirche wurde sie über der Sakristei eingerichtet, dann bis zur endgültigen Schliessung im Jahr 1950 im Pfarrhaus neben der Kirche. Der Lehrer, meistens der Priester, erhielt vor 200 Jahren für jeden Schüler 1 Filippo, das sind 5 Franken pro Jahr. In der Regel besuchten nur die Knaben die Schule. 1930 wurden noch 16 Schüler unterrichtet. 

Die schöne Kirche und ihre Umgebung erwecken den Eindruck eines gewissen Wohlstandes. Um 1630 begannen die Rasaner nach Livorno auszuwandern, wo sie ein Monopol als Lastenträger im Hafen besassen. Andere gingen nach Mailand und Rom, und gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika. Die im Dorf verbliebenen Leute, hauptsächlich Frauen und Kinder, widmeten sich der Landwirtschaft. Sie stellten Butter und Käse her und veranstalteten die “mazza“ (Metzgete), räuchten Kastanien und hielten eine Herde von mehreren Hundert Schafen, Kühen und Ziegen (1930 waren es noch 200 Tiere). Ferner besass jede Familie mindestens ein Schwein. So war für Fleisch und Wurst gesorgt für das ganze Jahr. Fische fanden sich in den nahen Wasserläufen, besonders im Ri di Progia.

Im Weiteren wurden Nüsse gesammelt und zur Gewinnung von Speise- und Lampenöl nach Palagnedra gebracht. In Intragna kann heute noch eine solche Nusspresse betrachtet werden. Fast alle landwirtschaftlichen Geräte wurden von den Rasanern selbst hergestellt, sogar die Stoffschuhe (pedüü). Auch die Wolle wurde im Dorf gesponnen, gefärbt und verarbeitet.

Für Nahrungsmittel, die nicht im Ort selbst gewonnen werden konnten, musste man in die Läden von Palagnedra, Intragna oder Locarno; selbstverständlich hin und zurück zu Fuss, Sommer und Winter, mit Lasten von 50 kg und mehr. Ein alter Mann erzählte, dass man im Winter manchmal bis Losone musste um Stroh zu kaufen, wenn das Heu knapp wurde. Auch das zu Fuss oder mit den Skiern. Ein Kalb war sehr wertvoll. Der Verkauf eines Kalbes ermöglichte, sich während eines halben Jahres mit dem Nötigen einzudecken. Ging andererseits ein Tier zu Grunde, hatte dies für die betreffenden Familien schlimme Folgen.

Im Krankheitsfall wurde der Arzt aus Intragna gerufen. Im Allgemeinen wurden jedoch die Kranken nach Corcapolo getragen, wozu der Tragstuhl der Kirche zur Verfügung stand. Die Kinder wurden fast alle zu Hause geboren. Der Wöchnerin, die meistens bis zum letzten Augenblick ihrer Arbeit nachging, stand eine als Hebamme amtende Frau aus dem Dorfe bei.

Da die italienische Bevölkerung Druck auf die Tessiner Lastenträger ausübte, hob Grossherzog Leopold III im August 1847 das Alleinrecht des Lastentragens für immer auf. Das gleiche Schicksal erlitten diejenigen, die am Hof von Florenz Arbeit gefunden hatten. Sie wurden ihres Postens enthoben. Damit versiegten die guten Einnahmequellen, und die Abwanderung der Jungen begann. Innert 50 Jahren verminderte sich die Bevölkerung um die Hälfte. Im Jahr 1971 bestand Rasa nur noch aus zwölf Ansässigen. Da wurde es als Gemeinde aufgehoben und gehörte fortan zu Intragna.

 


 

Rasa_Geschichte1.jpg